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Monday, 1 February 2010

Wie finde ich meine Identität?


„Es steckt in uns eine Ursehnsucht, wer zu sein. Wir möchten zu uns selbst kommen. Als der Neutestamentler Heinrich Schlier vor Jahren starb, fand man in seiner Rocktasche ein Gedicht aus der letzten Zeit seines Lebens: „Was bin ich?" - Von Dietrich Bonhoeffer gibt es ein ähnliches Gedicht, auch dies kurz vor dem Tod geschrieben, in der Haft: „Wer bin ich?" Bei beiden geht durch alle Zeilen das Suchen nach einer christlichen Antwort auf diese Lebens- und Sterbensfrage. 

Wie komme ich zu mir selbst? Wie finde ich meine Identität? - Diese Frage, das ist eine Grundaussage des Glaubens, kann ich nicht mit mir selbst beantworten. Ich kann nicht allein zu mir selbst finden. Mit großer Selbstverwirklichung ist es nicht getan. Der Grund meines Lebens liegt nicht in mir selbst. „Du wärest bald am Ende mit mir, wenn ich nicht eins wäre mit dem, der keine Grenzen kennt" (P.Claudel, Der seidene Schuh). Wer durch sein eigens Tun, durch seine moralischen Anstrengungen oder durch welche Eigenleistung auch immer zu sich selbst kommen und also den Sinn seines Daseins selbst produzieren will, verfällt in eine einzige Lebenslüge. Er verkennt ganz einfach die eigenen Gegebenheiten. Er setzt sich unter den Druck, nicht nur etwas, sondern sich selbst produzieren zu müssen. Genau das ist es, was vor allem der Apostel Paulus „Sünde" und „Tod" nennt. Wer sich selbst produzieren will verliert sich selbst (vgl. Mt 16,25). So gerade betrügt er sich um seine Würde, die er allein seinem Schöpfer und Erlöser verdankt. Diese Würde kann durch keine menschliche Tat überboten und durch keine Untat zerstört werden.
Heinrich Spaemann gibt folgende geistliche Schriftauslegung: Jesus sagt in den Evangelien häufiger, vor allem nach Johannes: „ego eimi" - ich bin, ich bin es. Der geheilte Blinde (Joh 9) bekommt mit seinen geöffneten Augen Jesus in den Blick. Als nun die Leute ihn bestürmen, ob er es wirklich ist, der früher als Blinder dagesessen hat antwortet er: „ego eimi" - ich bin es (wie Jesus es sagt). Durch Jesus hat er seine Identität gefunden. Vorher war er wie ein lebendiger Opferstock, in den die Leute Münzen werfen - ohne Gesicht, ohne „Ansehen". Und nun hat Jesus ihn angesehen und ihm ein neues Ansehen gegeben. Als Petrus bei der Verleugnung Jesus aus dem Blick verliert („Ich kenne den Menschen nicht"), da sagt er: „ouk eimi" - ich bin es nicht. Er hat seine Identität verloren, weil er Jesus aus dem Blick verloren hat. Und erst der Blick Jesu muss ihn wieder zu sich selbst zurückführen: „Und der Herr wandte sich um und sah Petrus an" (Lk. 22,61).

 Trotz allem Dunklen in mir und durch es hindurch sagt Gott ja zu mir und vertraut mir an, was ihm wichtig ist. Weil er mich anschaut, kann ich ihn in den Blick nehmen. Weil ich das Ansehen Gottes genieße, kann ich leben, ohne mich zu überfordern oder mich selbst zu verachten. So münden beide oben genannten Gedicht in die Sätze: „Was bin ich? Gott sieht mich. Ich bin sein Augenblick" (Schlier). „Wer ich auch bin, du kennst mich dein bin ich o Gott" (Bonhoeffer).
 Amor, ergo sum! Ich bin geliebt, also bin ich. Das ist die Möglichkeit, meine Identität zu finden.

(entnommen aus: Franz Kamphaus: Priester aus Passion, Freiburg, Basel, Wien 1993, 52-54.)

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